Das Mahn-Wesen: Die einsamste Sau der Welt | Dirk C. Fleck

Das Mahn-Wesen: Die einsamste Sau der Welt
Von Dirk C. Fleck.

Ken Saro-Wiwa, Sylvia Earle, Julia Butterfly, Holger Strohm, Woodrow Wilson, Michael C. Ruppert, Paul Watson, Edward Snowden, Leonardo Boff, Russel Means, Percy Schmeiser, Prentice Mulford. Ibrahim Abouleish, Chico Mendez, Joanna Macy, Darell Steve Summers, José Bové, Max Neef, Sam Childers, Robert Muller -. das sind nur einige meiner fünfunddreißig „Heroes“, denen ich in einem gleichnamigen Buch ein Denkmal setzen möchte. Sie alle haben sich in den letzten 150 Jahren dem absehbaren Wahnsinn, den die Menschheit im Umgang mit der Schöpfung seit der Industrialisierung auf die Spitze treibt, als couragierte Mahner und Aktivisten entgegengestellt. Sie wussten, dass der von den Menschen eingeleitete Ökozid irgendwann an den Nerv allen Lebens geht. Ihnen blieb keine andere Wahl, als radikal Position zu beziehen, was in einer manipulierten und narkotisierten Gesellschaft mit hohen Risiken für Leib und Leben verbunden ist. Aber wer einmal die ungeheuerliche Tatsache erkannt hat, dass unser giergesteuertes Wirtschaftssystem die Schraube bis zum Anschlag drehen wird, für den gibt es kein Zurück, auch wenn den meisten klar ist, dass sie in ihrer Verzweiflung lediglich als Rufer in der Wüste agieren.

Ich selbst kann ein Lied davon singen. Und deshalb werde ich mich mit der Hommage an meine „Heroes“ aus der gesellschaftspolitischen Debatte verabschieden. Ich habe einfach nicht mehr die Kraft, mich gegen die Walze aus Dummheit und Ignoranz zu stellen, welche die Sensibelsten unter uns gnadenlos diffamiert und begräbt. Ich habe meine Aufklärungsarbeit geleistet, vierzig Jahre lang. Jetzt gilt es, den Strang zu den immer schwerer zu ertragenden Negativinformationen zu kappen. Das mag mir als ein Zeichen von Schwäche ausgelegt werden, ist aber reiner Selbstschutz. Im übrigen diskutiere ich nicht über diese Entscheidung, die schon seit Jahren in mir herangereift ist und vor ein paar Tagen, als ich einen einundzwanzig Jahre alten Text von mir fand, endgültig abgesegnet wurde. Bei diesem Text handelt sich um meinen Vortrag „Die ignorierte Katastrophe – Plädoyer für eine Ökodiktatur“, den ich 1995 an mehreren deutschen Universitäten gehalten habe. Er befindet sich im Anhang zu meinem Roman „GO! – Die Ökodiktatur“, der im letzten Jahr neu aufgelegt wurde. Hier ein kleiner Auszug daraus:

„Um zu begreifen, dass wir selbst die Wucherung sind, unter der die Erde zu ersticken droht, lassen Sie uns im Geiste eine jener so beliebten Computersimulationen anwenden: Wir jagen die letzten 100 Jahre, also die Zeit, in der das Industriezeitalter ökologisch voll zu Buche schlug, durch den Zeitraffer, verdichten sie auf eine Stunde. Angenommen, wir starteten 1895 vor der amerikanischen Westküste in eine Umlaufbahn um die Erde. Pusteln bildeten sich entlang der Pazifikküste, die an der Ostküste bereits zu bedenklichem Ausschlag herangewachsen wären. Nach der Atlantiküberquerung stellten wir fest, dass ganz Europa befallen ist. Es sind die Städte, die wie Metastasen ins Land greifen. Schmutzige Schlieren ergössen sich in Flüsse und Meere. Unterdessen schrumpften die gigantischen Waldflächen in sich zusammen und machten braunen Wüsten Platz. Ein immer dichter werdendes Netz von Straßen und Schienen legte sich um den Globus, ganze Kontinente verschwänden unter einem diffusen Grauschleier. Endlich an den Ausgangspunkt zurückgekehrt, stellten wir fest, dass die Erde zu einer Geschwulst verfault ist, die von den Rauchschwaden unserer Brandschatzerei vielerorts gnädig verdeckt wird.

Der Astronaut John Glenn zählte allein im Amazonasgebiet 800 solcher Brandherde. In der Zeit, da ich hier zu Ihnen spreche, verschwinden durch Brandrodung oder industrielles Clearcutting Urwälder für immer von der Bildfläche, welche ein Gebiet so groß wie München bedeckt hielten. So geht es weiter, Tag für Tag, ad finitum. Wenn man, wie die alten Naturvölker, davon ausgeht, dass die Erde ein lebendiger Organismus ist (und was spricht dagegen: denn nur was lebt, kann Leben spenden), kommt man logischerweise zu dem Schluss, dass die Menschheit eine Art Krebsgeschwür für diesen Planeten ist. Anders, als durch einschneidende Maßnahmen, wird man ihrer nicht mehr Herr.

Dabei bräuchten wir diese Parasitenrolle nicht notwendigerweise zu erfüllen. Die Krebszelle im menschlichen Körper entwickelt kein Schuldbewusstsein dabei, sich auf Kosten eines übergeordneten Organismus am Leben zu erhalten. Sie kennt den Zusammenhang zwischen ihrem eigenen Ende und dem ihres Wirts nicht. Der Mensch hingegen weiß sehr wohl, dass der Tod der Erde auch seinen Tod bedeutet. Umso verwunderlicher ist es, dass er sich nicht dazu aufraffen kann, aus freien Stücken zur Besinnung zu kommen.

Am 23. Mai 1977 gab der amerikanische Präsident Jimmy Carter Wissenschaftlern und Regierungsstellen den Auftrag, eine Studie zur Umweltproblematik zu erstellen. Der Bericht sollte auf der Basis von absehbaren Entwicklungstrends die politische Planungsgrundlage für eine ökologisch orientiertere Politik liefern. Die Studie mit dem Titel „Global 2000“ kommt in ihrem Vorwort zu folgendem Ergebnis:
„Die Schlussfolgerungen deuten für die Zeit bis zum Jahre 2000 auf ein Potential globaler Probleme von alarmierendem Ausmaß. Wenn die Trends verändert und die Probleme verringert werden sollen, werden weltweit mutige und entschlossene neue Initiativen erforderlich sein. Die Fähigkeit der Erde, Leben zu ermöglichen, muss geschützt und wiederhergestellt werden. Grundlegende natürliche Ressourcen – Agrarland, Fischgründe, Wälder, mineralische Rohstoffe, Energie, Luft und Wasser – müssen erhalten und der Umgang mit ihnen verbessert werden. Eine weltweite Veränderung der Politik ist erforderlich, bevor die Möglichkeiten für wirkungsvolles Handeln immer stärker eingeschränkt werden. Angesichts der Dringlichkeit, Reichweite und Komplexität der vor uns liegenden Herausforderungen bleiben die jetzt auf der ganzen Welt in Gang gekommenen Anstrengungen allerdings weit hinter dem zurück, was erforderlich ist. Es muss eine neue Ära der globalen Zusammenarbeit und der gegenseitigen Verpflichtung beginnen, wie sie in der Geschichte ohne Beispiel ist.“

Heute schreiben wir das Jahr 1995, heute konstatiert das World Watch Institute lakonisch: „Die Welt riskiert den ökologischen Kollaps“. Die globale Zusammenarbeit, welche in dem Bericht an den Präsidenten so vehement gefordert wurde, lässt weiter auf sich warten. Die Vorstellung, die westlichen Industrienationen (übrigens allesamt Demokratien) als die Hauptverursacher der Ökokatastrophe, würden alles tun, um sich in diesem Sinne zu renovieren, ist absurd.

Am Beispiel Auto lässt sich Wucht und Wahnsinn unserer Vernichtungsgesellschaft am deutlichsten darstellen. Die Produktion eines einzigen Autos verschlingt zwanzig Tonnen Wasser und produziert durchschnittlich 25 Tonnen Müll, der zudem als Sondermüll zu behandeln ist. Das Heidelberger Umwelt- und Prognose-Institut (UPI) hat die internationalen Folgen des Mobilitätswahns auf das Jahr 2030 hochgerechnet. Bis dahin werden 600 Millionen Kubikkilometer Luft mit den Schadstoffen aus dem Autoverkehr bis an die Grenzwerte belastet sein. Ein vergiftetes Luftpaket von ein Kilometer Höhe wird die Erde umhüllen. Das entspricht einem Zwölftel unseres gesamten Luftvolumens. Da die Abgase nebenbei auch ein gigantischer Pflanzenkiller sind, ist die Regenerationsfähigkeit der Luft gleich null.

Bitten Sie irgendeinen Autofahrer der Welt, sich bei laufendem Motor fünf Minuten in eine geschlossene Garage zu stellen, er wird ihnen den Vogel zeigen. Warum? Weil er ganz genau weiß, was aus dem Auspuff kommt: tödliches Gift. Trotzdem funktioniert die größte Vergasungsaktion aller Zeiten mit unser aller Billigung. Wir müssen verrückt sein, zumindest süchtig, also krank. Und Kranke müssen behandelt werden, wenn nötig, mit einer Radikalkur. Sein oder Nichtsein ist zur aktuellen Alternative der Menschheit geworden. Die eigentliche Frage lautet daher: Kollektiver Selbstmord oder geistige Erneuerung. Es wird wohl auf den kollektiven Selbstmord hinauslaufen. Also vergessen Sie meine Fiktion einer Ökodiktatur. Sie müssen schon von selbst darauf kommen, dass man die notwendige Operation auch wollen muss, wenn man am Leben hängt“.

Plädoyer für eine Ökodiktatur. Was bin ich dafür in den Medien geschlachtet worden! Dabei wäre eine Ökodiktatur per se gerecht, sie wäre ja nichts weiter als ein politischer Notwehrreflex. Werden wir denn nie begreifen, dass wir mit dem gigantischen Ressorcenverbrauch, mit der Luft- und Wasserverschmutzung, mit den „Segnungen“ der Gentechnologie, mit der Hypothek des Atommülls, den vom Zaun gebrochenen Kriegen und den von uns verursachten Veränderungen der klimatischen Bedingungen auch ein anderes gesellschaftliches Klima in Kauf zu nehmen haben? Unser Leben wird sich dramatisch umkehren. Und zwar auf den unterschiedlichsten Ebenen: im politischen, im sozialen, im medizinischen Bereich ebenso wie im kulturellen Leben. Die Phänomene der Endzeit werden unseren Alltag sozusagen auf natürliche Weise durchdringen, auch wenn das Wort natürlich in diesem Kontext aberwitzig anmutet. Aber es ist nun einmal ein Naturgesetz, dass auch einstürzende Systeme ihre Dynamik besitzen. Warum tun wir uns so schwer damit zu verstehen, dass ein Weitermachen wie bisher automatisch in ein totalitäres Schweinesystem führt? Wer das Ziehen der Notbremse in einem nicht mehr zu kontrollierenden Zug kategorisch ablehnt, wer um der eigenen Bequemlichkeit willen sämtliche Hinweise auf die kommende Katastrophe ignoriert, wer sich in der aktuellen Situation hinstellt und den Klimawandel als propagandistische Lüge bezeichnet (und von diesen Zeitgenossen gibt es immer mehr), der darf sich über die Maßnahmen, die uns in nicht allzu ferner Zukunft von Staatswegen vermutlich erwarten, nicht wundern – der befördert sie geradezu.

Und noch etwas: Die Weinerlichkeit der Tätergenerationen geht mir auf den Geist! Sie sind ja noch nicht einmal zu einem Konsens über das fähig, was sie angerichtet haben. Geschweige denn zu einer radikalen Kehrtwende. Wer es geschafft hat, aus nicht zu überbietendem Eigennutz in nur siebzig Jahren den Planeten zu plündern, wer für seinen kurzfristigen Konsumrausch auf Jahrtausende hinaus ein strahlendes Erbe hinterlässt, wer wissentlich in Kauf nimmt, dass es seinen Kindern und Enkelkindern extrem schlechter gehen wird als ihm selbst, der hat jedes Recht verwirkt, Beschwerde einzulegen, wenn mit rigiden Mitteln versucht werden sollte, seinem Treiben Einhalt zu gebieten. Die ganze Jaulerei im Vorfeld ist lächerlich und beschämend, solange ein Sinneswandel nicht erkennbar ist! Und, Leute, ist er das?

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Wir danken Dirk C. Fleck für diesen Gastbeitrag