Hoffnung: Krücken des Konjunktivs | Dirk C. Fleck

Hoffnung: Krücken des Konjunktivs
Von Dirk C. Fleck

„Verkehrte Welt“. So war das Plakat überschrieben, das auf eine Ausstellung von Hieronymus Bosch hinwies, welches mir eben auf dem Heimweg nach einem wunderbaren Abend mit Marie von einer Litfaßsäule ins Augen stach. Falsches Motto, liebe Ausstellungsmacher! Verkehrt an dieser Welt sind nicht die Einblicke eines Hieronymus Bosch, verkehrt ist das, was unser Leben ins fratzenhafte verwandelt, solange wir uns ohne Demut in dieser kurzfristigen irdischen Existenz auf dem richtigen Weg glauben. Solange wir uns verleugnen, solange wir in diesem höllischen Gegeneinander unsere Zeit verschwenden, um schließlich als willfährige Erfüllungsgehilfen einer gut organisierten, über die nötigen Narkotika verfügenden Eliten zu enden. Ich will und muss das nicht näher erklären. Denn eigentlich wollte ich auf einen flammenden Appell zu sprechen kommen, den Derrick Jensen vor kurzem veröffentlicht hat. Jensen, ein US-amerikanischer Autor („Endgame“) und der wohl radikalste Prediger des engagierten und wenn nötig auch militanten Widerstands gegen alle Schweinereien, die unser Ressourcen verschlingendes Giersystem dem filigranen Lebensverbund auf dieser Erde zumutet, hat sich zum Thema Hoffnung in einer Art und Weise geäußert, dass all denjenigen, die in ihrer Verzweiflung über die nicht mehr umkehrbare Entwicklung auf das Prinzip Hoffnung setzen, der Schrecken in die Glieder fahren muss. Ich meine all jene, die mit dem Philosophen Hans Jonas übereinstimmen, dass die Hoffnung die einzig verbleibende Ressource der Zukunft sein wird.

Jensens Appell trägt die Überschrift „Give Up Hope. It`s The Best Chance We Have to Save Everything We Love“. Was für ein Titel! Wir sollen alle Hoffnung fahren lassen, weil das die beste Möglichkeit ist, um das, was wir lieben, noch retten zu können? Da musste selbst ich kräftig schlucken. Nach der Lektüre hatte ich zumindest verstanden, was Derrick gemeint hat. Also postete ich seinen Artikel auf Facebook. Die Reaktionen haben mich nicht wirklich überrascht. Sie klangen alle gleich, nach dem Motto „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Viele, meist Frauen, empfanden den Text als Anschlag auf ihre Herzenssprache, die als einzige imstande ist, die Menschen in einem gemeinsamen Traum noch zusammenzuhalten. Ich habe das sehr gut verstanden. Aber gleichzeitig wurde mit klar, dass die Empörung bei den meisten wohl schon nach den ersten drei Worten der Überschrift („Give Up Hope“) eingesetzt hat. Der Artikel selbst wurde so zum Opfer seines provokanten Etiketts, mit dem der Autor auf Aufmerksamkeit spekuliert hat. Wir sind in einer Medienlandschaft groß geworden und in ihr reichen solche provokanten Aussagen in der Regel, um sich ein schnelles Urteil zu bilden, zumal dann, wenn durch sie etwas infrage gestellt wird, was zu unserem moralischen Rüstzeug gehört. Mir erging es zunächst ja nicht anders und so habe ich mit einiger Rührung den leidenschaftlichen Kommentar einer Frau zur Kenntnis genommen, die sich dagegen verwahrte, der Natur ins Handwerk zu fuschen, welche unsere Sehnsucht nach einer besseren Welt sozusagen in unsere Seelen implantiert hätte. Abgerundet wurde der Kommentar von dem Bild einer alten Indianerin, die der Kamera den Stinkefinger zeigt.

Starkes Bild, starke Geste. Sie war ausschlaggebend dafür, dass ich mir Derrick Jensens Text sehr genau durchgelesen habe. Um letztlich festzustellen, dass er recht hat. Zumindest hat der Widerständler, der Öko-Krieger, der Aktivist in ihm recht, dem es an diesem Punkt der Geschichte, an dem der Ökozid an jeder Ecke spürbar ist, darum geht, seinen Seelenfrieden zu finden. Er fordert dazu auf, uns in die Schlacht zu werfen. Nur im aktiven Widerstand, so argumentiert er, könnten wir uns wieder als Mensch definieren, als Verteidiger eines fantastischen Mysteriums, das wir Leben nennen und dem wir fahrlässigerweise so wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Dadurch könnten wir uns wieder verbinden mit der Schöpfung. Dass die Schlacht inzwischen verloren ist, dürfte auch einem Derrick Jensen klar sein. Insofern ist sein Appell, nicht in der Hoffnung zu verharren, selbst ein Stück Hoffnug. Der Hoffnung nämlich, dass sich genügend Klarsichtige finden mögen, die sich aufgerufen fühlen, aus der Reserve zu treten, die ihre Duldsamkeit angesichts des kollektiven Untergangs endlich ablegen, um ihr Selbstwertgefühl, ihren Stolz und ja … ihre Ehre wieder zu entdecken. Die Geschwister Scholl waren von dieser Art. Wir sind es nicht. Und Derrick Jensen macht uns in seinem Text gnadenlos darauf aufmerksam. Er stellt uns eine simple Frage. Und die lautet: Wann, wenn nicht jetzt wollen wir dem alles vernichtenden Irrsinn entgegentreten? Er kann und will nicht verstehen, dass wir nicht mindestens den Versuch unternehmen, uns frei zu kämpfen, bevor wir uns in die Gaskammern der Zivilisation prügeln lassen. Ich möchte, damit hier keine Missverständnisse entstehen, einige Passagen aus seinem Appell zitieren, und zwar im Original. Danach frage sich ein jeder, was ihm wichtig ist, wo er steht und welche Ausflüchte er wohl anführen würde, wenn ihm seine Enkelkinder eines Tages fragen werden, warum das alles geschehen konnte.

„The most common words I hear spoken by any environmentalists anywhere are, We’re fucked. Most of these environmentalists are fighting desperately, using whatever tools they have — or rather whatever legal tools they have, which means whatever tools those in power grant them the right to use, which means whatever tools will be ultimately ineffective — to try to protect some piece of ground, to try to stop the manufacture or release of poisons, to try to stop civilized humans from tormenting some group of plants or animals. Sometimes they’re reduced to trying to protect just one tree.

I don’t have much hope. But I think that’s a good thing. Hope is what keeps us chained to the system, the conglomerate of people and ideas and ideals that is causing the destruction of the Earth.

To start, there is the false hope that suddenly somehow the system may inexplicably change. Or technology will save us. Or the Great Mother. Or beings from Alpha Centauri. Or Jesus Christ. All of these false hopes lead to inaction, or at least to ineffectiveness. Does anyone really believe that Weyerhaeuser is going to stop deforesting because we ask nicely? Does anyone really believe that Monsanto will stop Monsantoing because we ask nicely? If only we get a Democrat in the White House, things will be okay. If only we pass this or that piece of legislation, things will be okay. If only we defeat this or that piece of legislation, things will be okay. Nonsense. Things will not be okay. They are already not okay, and they’re getting worse. Rapidly.

But it isn’t only false hopes that keep those who go along enchained. It is hope itself. Hope, we are told, is our beacon in the dark. It is our light at the end of a long, dark tunnel. It is the beam of light that makes its way into our prison cells. It is our reason for persevering, our protection against despair (which must be avoided at all costs). How can we continue if we do not have hope?

We’ve all been taught that hope in some future condition — like hope in some future heaven — is and must be our refuge in current sorrow. I’m sure you remember the story of Pandora. She was given a tightly sealed box and was told never to open it. But, being curious, she did, and out flew plagues, sorrow, and mischief, probably not in that order. Too late she clamped down the lid. Only one thing remained in the box: hope. Hope, the story goes, was the only good the casket held among many evils, and it remains to this day mankind’s sole comfort in misfortune. No mention here of action being a comfort in misfortune, or of actually doing something to alleviate or eliminate one’s misfortune.

The more I understand hope, the more I realize that all along it deserved to be in the box with the plagues, sorrow, and mischief; that it serves the needs of those in power as surely as belief in a distant heaven; that hope is really nothing more than a secular way of keeping us in line.

What, precisely, is hope? At a talk I gave last spring, someone asked me to define it. I turned the question back on the audience, and here’s the definition we all came up with: hope is a longing for a future condition over which you have no agency; it means you are essentially powerless.

Many people are afraid to feel despair. They fear that if they allow themselves to perceive how desperate our situation really is, they must then be perpetually miserable. They forget that it is possible to feel many things at once. They also forget that despair is an entirely appropriate response to a desperate situation. Many people probably also fear that if they allow themselves to perceive how desperate things are, they may be forced to do something about it.

At one of my recent talks someone stood up during the Q and A and announced that the only reason people ever become activists is to feel better about themselves. Effectiveness really doesn’t matter, he said, and it’s egotistical to think it does.

I told him I disagreed.

Doesn’t activism make you feel good? he asked.

Of course, I said, but that’s not why I do it. If I only want to feel good, I can just masturbate. But I want to accomplish something in the real world.

Why?

Because I’m in love. With salmon, with trees outside my window, with baby lampreys living in sandy streambottoms, with slender salamanders crawling through the duff. And if you love, you act to defend your beloved“.

Und wenn du wirklich liebst, wirst du auch verteidigen, was du liebst. Das ist so. Warum wir allerdings eine andere Haltung einnehmen, wenn sie uns den Planeten unterm Arsch wegziehen, bleibt ein ewiges Rätsel. Um an der Gleichgültigkeit und Ignoranz der narkotisierten Menschheit nicht zu verzweifeln, um nicht zum Menschenhasser zu werden, empfehle ich ein Zitat des französischen Romanciers und Philosophen Jean-Paul Sartre, das die Sache wohl auf den Punkt bringt:

„Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt. Nicht wer sie unterdrückt. Es geht nicht um persönliche Feindschaften. Es geht um die Strukturen dieser Welt“.

Und diese Strukturen scheinen unumstößlich. Oder regt sich bei dem einen oder anderen angesichts der aktuellen Zustände noch Hoffnung? Mein vor kurzem verstorbener Facebook-Freund Hans-Wilhelm Precht, der einigen hier durch seine seltenen aber großartigen Veröffentlichungen vielleicht in Erinnerung ist und den ich ein halbes Jahr vor seinem Tod noch persönlich kennenlernen durfte, hat allerdings eine Hoffnung formuliert, die mir aus dem Herzen spricht und der auch ein Derrick Jensen nichts entgegenzusetzen hat:

„Er möchte seine Sinne für das Unverfälschte schärfen, er möchte zurück zu der umfassenden Natur, die zwar vor Ausscheidungen wimmelt, vor Aas und vor Millionen von Keimen, die aber nicht verdreckt ist, die keinen Unrat kennt und keine Müllberge – dann wird er die Landschaften wieder in sich aufnehmen, sie werden ihn aufnehmen, und er wird sie nicht nur wie ein Zuschauer von außen betrachten, dann wird er tief in die Natur eintauchen, bis zu dem Punkt, an dem sie sich mit ihm selbst aus allen gesetzten Spannungen und Gegensätzen löst. Dort, dort wo er nicht mehr allein ist, liegt seine wahre Existenz“.

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Wir danken Dirk C. Fleck für diesen Gastbeitrag