"Niedrig-Strahlung angeblich gesund"

"Niedrig-Strahlung angeblich gesund"

von Holger Strohm* Der Autor ist Verfasser zahlreicher Bücher zur Radioaktivität und Atomenergie (Friedlich in die Katastrophe, Die Stille Katastrophe)

 

Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping beteuerte - ganz ohne Not -, dass deutsche Soldaten "praktisch völlig sicher vor Gesundheitsgefahren durch die Strahlung uranhaltiger Munition" seien. Damit provozierte er weltweit heftigen Widerspruch von Wissenschaftlern. So vertrat beispielsweise Wolfgang Köhnlein (Stellvertretender Vorsitzender der Strahlenschutzkommission) die Meinung, dass deutsche Soldaten sehr wohl erkranken könnten, teilweise noch nach Jahrzehnten. Robert Jütte wies in der "FAZ" darauf hin, dass es sich hier nicht um "Peanuts" handele: So seien durch den Golfkrieg 39 000 GIs wegen Gesundheitsschäden aus der Army entlassen worden. Tausende seien an Krebs gestorben. In Großbritannien wären 160 Irak-Veteranen jämmerlich an Krebs zugrunde gegangen. Elf Länder, deren Soldaten uranhaltiger Munition ausgesetzt waren, klagen über Krankheit und Tod.

 

Über die Zivilbevölkerung und insbesondere Kinder, die auf verseuchtem Boden spielen oder Kriegsmunition als Beutestücke horten, spricht kaum einer. Stattdessen hört man, die Strahlung sei unter der Nachweisgrenze oder innerhalb des Toleranzwertes und sehr viel geringer als die natürliche Strahlung. Ja, Behörden, Atomindustrie und so genannte Experten versteigen sich sogar in die Behauptung, Niedrigst-Radioaktivität sei gesund, sie stimuliere das Immunsystem und keinerlei Radioaktivität käme aus einer nuklearen Anlage heraus und überhaupt, die Menschen stürben nicht an Radioaktivität, sondern an Hysterie. Doch sicher ist nur, so das "Bulletin of the Atomic Scientists", dass wir gar nichts wissen. Wir kennen weder die Mengen des Urans, die verdampften und eingeatmet wurden, noch die Kontamination des Bodens oder Grundwassers. Ja, wir wissen nicht einmal, ob nur abgereichertes Uran eingesetzt wurde oder ob man den radioaktiven Müll einfach auf illegale Weise "entsorgte", wie so häufig zuvor. Die unterschiedlichen Messwerte könnten dafür als Indiz gelten.

 

Was wir jedoch seit langem wissen, ist, dass Niedrigst-Radioaktivität keinesfalls harmlos ist, obwohl gerade deutsche Apologeten dies ständig behaupten. Bereits 1978 verkündeten Robert B. Minogue, Direktor des "Office of Standards Developement" der US-Nuclear Regulatory Commission (NRC), und sein Stellvertreter Karl R. Goller (also die höchsten Strahlenschützer der USA), dass es keinen sicheren Toleranzwert gäbe, der vor Gesundheitsschäden schütze. So heißt es wörtlich: "Es gibt keinen Toleranzwert, der als sicher gelten kann". Das Risiko beginne quasi beim ersten Becquerel. Man mache sich große Sorgen über die somatischen und genetischen Schäden, sowohl bei Atomarbeitern als auch bei der Bevölkerung. Und es wurde beklagt, das es sowohl innerhalb als auch außerhalb der Behörde noch immer Wissenschaftler gäbe, die davon überzeugt seien, dass Niedrigst-Radioaktivität keine Gesundheitsschäden hervorriefe. Hier wäre offensichtlich falsches Wissen verbreitet worden, obgleich die NRC sich seit Jahren bemühe, diesen Fehler zu korrigieren. Der Brief ist vom 11. September 1978! Bei den Unbedenklichkeits-Experten in Deutschland aber ist er immer noch nicht angekommen! Dass jede Plutoniumbelastung und sei sie noch so klein zum Tode führen könnte, davor warnte John W. Gofman (hoch dekorierter Arzt und Physiker, der seinerzeit als Direktor für die Plutoniumforschung der US-Atomenergiekommission verantwortlich war) bereits 1977.

 

Auch die ständig aus Atomkraftwerken und Atommülllagern frei werdende Strahlung ist gefährlich. Die Gefahren entstehen durch die Schädigung von Körperzellen. Pro Sekunde laufen zirka 10 000 chemische Reaktionen in ihnen ab. Wenn Radioaktivität in die Zelle eindringt, bilden sich im sauerstoffhaltigen Zellsaft so genannte freie Radikale, die von der Zellmembran angezogen werden und dort schädliche Reaktionen bewirken. Schon bei kleinsten Mengen an künstlicher Radioaktivität in Luft, Wasser und Nahrung werden Zellen geschädigt, die für die Abwehrkräfte des Körpers verantwortlich sind. Damit steigt das generelle Infektionsrisiko. Viren, Bakterien und Krebszellen können sich leichter vermehren. Der allgemeine Gesundheitszustand verschlechtert sich.

 

In einem Reaktor entstehen 1200 künstlich erzeugte radioaktive Isotope, die sich völlig von der natürlichen Strahlung unterscheiden. Sie werden in Organen des Körpers gespeichert, reichern sich an und strahlen oft lebenslang von innen auf die Zellen. Strontium-90 beispielsweise lagert sich in den Knochen ein und beeinflusst die Blut bildenden Zellen und somit das Immunsystem. Die betroffenen Menschen sterben langsam an Lungenentzündung, Blutvergiftung oder Herzkrankheiten. Das sind Krankheiten, die angeblich nichts mit Radioaktivität zu tun haben, obgleich sie durch Strahlung ausgelöst werden können. Hinzu kommt, dass durch eine lang andauernde Strahlung im Niedrigstbereich die Reparaturmechanismen des Körpers nur bedingt arbeitsfähig sind. Als Folge treten weltweit Krebs und andere Erkrankungen insbesondere in der Nähe von AKWs auf. In vielen britischen Studien mussten Gesundheitsämter zugeben, dass sich in der Nähe von Atomanlagen Leukämie, Krebs und Missgeburten häuften. Dies sei der Preis des Fortschritts, ließ man verlauten, während in Deutschland nach wie vor jeder Zusammenhang stets geleugnet wird.

 

Neben den individuellen Krankheitsrisiken drohen zunehmend genetische Schäden. Bei weltweiten Versuchen mit Niedrigst-Strahlung wurden in den ersten Generationen der Versuchstiere kaum Schäden beobachtet. Aber in den darauf folgenden Generationen verdoppelten sich die Schäden ständig, bis dies nach 15 bis 20 Generationen zum völligen Aussterben der betroffenen Tiere führte. Warum weiß die Öffentlichkeit so wenig über diese Gefahren? In einem Land, in dem der Atomenergie kritisch gegenüber stehende Wissenschaftler zum Schweigen gebracht und gleich reihenweise aus ihren Berufen entfernt wurden und in dem kritische Äußerungen zur Atomenergie unter Nachrichtensperre fallen (siehe Präsident Clinton am 12. Okt.99: "Atomenergie ist gemeingefährlich und unbeherrschbar"; oder das Beinahe-Kernschmelzen des britischen Atom-U-Bootes "Tireless" in Gibraltar im Sommer 2000), darf man nichts anderes erwarten.

 

Bundeskanzler Schröder erklärte dereinst in der Tagesschau: "Er wolle sich nicht mehr von der Agrarlobby dirigieren lassen!" Recht so, Herr Schröder. Auch für andere Politiker gilt: wie wäre es, wenn auch sie sich endgültig von der Atomlobby befreien würden, die den Steuerzahler bisher runde 200 Milliarden Euro an Subventionen kostete und die mit einem einzigen Super-GAU aus Deutschland eine Todeszone machen würde.

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